Halleluja – Schrift auf Konfetti Hintergrund

Was ist Gottesdienst im biblischen Sinn?

In der Bibel kommt eine Abhandlung oder eine Anweisung zum Gottesdienst gar nicht vor. Die Bibel geht davon aus, dass er gefeiert wird.

In bestimmten Ritualen werden die alten Geschichten Gottes nicht nur erzählt, sondern gefeiert und nachgelebt. Dadurch wird Geschichte präsent und gegenwärtig. Somit ist in einem Gottesdienst das Handeln Gottes präsent für jede und jeden, die oder der dabei ist.

Im 5. Buch Mose Kap. 5, Vers 3 heißt es in der Einleitung zu den Zehn Geboten (Einheitsübersetzung):

“Nicht mit unseren Vätern (und Müttern) hat der HERR diesen Bund geschlossen, sondern mit uns: wir, diese, hier, heute, wir alle, Lebendige.”

5. Buch Mose Kap. 5, Vers 3

Was für ein Anspruch!

Gottes Dienst gilt der Gemeinde (“wir”), gilt allen Menschen (“diese”), gilt an diesem Ort (“hier”) und ist gegenwärtig (“heute”), ja umfasst auch die gesamte lebendige Schöpfung.

Jeder Gottesdienst hat also die Aufgabe, die alten Geschichten gegenwärtig werden zu lassen und in die jeweilige Zeit zu sprechen. Deshalb haben sich Liturgie und Gottesdienstform im Laufe der Jahrhunderte immer wieder verändert, um sich veränderten Kulturen und Lebensbedingungen anzupassen. 

Die biblischen Geschichten sind gewissermaßen die Muttersprache der Liturgie eines Gottesdienstes.

Ein Jugendlicher in der Schule sagte mir zum Thema Gottesdienst: “Das, was da vor und nach ihrer Predigt kommt, das ist doch nur gähnend langweilig – kann man das nicht einfach weglassen?”

Ich habe geantwortet: “Nee, kann man nicht weglassen.”

Aber wir haben es anscheinend verpasst, ihm eine Form zu geben, die für Jugendliche und viele weitere Bevölkerungsteile verständlich ist.

Dazu einige Beispiele:

  • Den liturgischen Ruf: “Herr erbarme dich!” schreit eine kanaanäische Frau, deren Tochter von einem Dämon gequält wird. Sie überzeugt Jesus mit diesem Ruf, dass er nicht nur zu den verlorenen Schafen des Hauses Israels gesandt ist.
  • Der Ruf “Ehre sei Gott in der Höhe” singt ein großes himmlisches Heer zu Weihnachten. Ein Engel hatte die Geburt des Retters in Bethlehem verkündet. Die Gottesdienstgemeinde stimmt ein in diesen himmlischen Gesang.
  • Den Ruf “Halleluja” singen und sprechen Beterinnen und Beter in den Psalmen 75 mal. 113 mal kommt es im Alten Testament vor, die Offenbarung des Johannes lässt es viermal von einer großen Schar im Himmel erschallen. Übersetzt heißt es: Lobet Gott / Preiset Gott.

Nur drei Beispiele von vielen weiteren. Auch das Vaterunser und der sog. aaronitische Segen gehören als biblische Worte dazu.

Einige kritische und provozierende Anmerkungen für den heutigen Gebrauch im Gottesdienst:

Wer braucht ein “Herr erbarme dich!”, wenn sich das Verständnis von Dämonen gewandelt hat? Um von seelischer Pein befreit zu werden, wendet man sich heute nicht mehr zu Gott, sondern sucht einen Psychologen / eine Psychologin auf und erlangt dort Absolution.

Also was bedeutet es – jenseits eines vertrauten liturgischen Geräusches – wenn wir singen: “Herr erbarme dich!”?

Wer braucht das “Ehre sei Gott in der Höhe” noch, wenn himmlische Mächte in den Köpfen und Herzen kaum noch existent sind? Wer braucht den Gesang der himmlischen Heerscharen, wenn Weihnachten zu einem romantischen Familienfest mit vorheriger Konsumorgie verkürzt wird?

Also was bedeutet es – jenseits eines vertrauten liturgischen Geräusches – wenn wir singen: “Ehre sei Gott in der Höhe und Frieden auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen”?

Wer braucht das “Halleluja“? Bei Trauungen wird es sich nach der Melodie von Leonhard Cohen gewünscht, weil es so schön ist. Immerhin. Aber kaum jemand versteht, dass es in dem Lied um den Ehebruch Davids mit Bathseba geht – und darum, dass im Leben fast alles scheitert. Aber die Melodie ist so schön…

Also was bedeutet es – jenseits eines vertrauten liturgischen Geräusches, und sei es noch so schön – wenn wir singen: “Halleluja”?

Die liturgische Sprache kommt aus der Bibel. Sie wird gesungen, gesprochen, gemeinsam oder alleine. Sie hat tiefe uralte Bedeutung und wurde über die Jahrhunderte und Jahrtausende angepasst und verändert. Ein wunderbarer spiritueller Schatz.

Ihr Pfarrer Ole Hergarten

Foto: Unsplash, Jason Leung, CC0 Lizenz

One thought on “Was ist Gottesdienst im biblischen Sinn?

  1. Stephan Küpper sagt:

    Was das Halleluja betrifft, so fällt mir auf, dass das Lied normalerweise nur mit vier ganz bestimmten Strophen gesungen wird. Es hat aber sieben Strophen, die in ihrer Gesamtheit etwas ganz anderes ausdrücken. Der vollständige (nicht um drei Strophen gekürzte) Text findet sich hier: https://lyricstranslate.com/de/leonard-cohen-hallelujah-lyrics.html-0

    Ich glaube, die wichtigste Strophe ist diese: Das Lob Gottes im Vertrauen auf die göttliche Gnade.

    I did my best, it wasn’t much
    I couldn’t feel, so I tried to touch
    I’ve told the truth, I didn’t come to fool ya
    And even though it all went wrong
    I’ll stand before the lord of song
    With nothing on my tongue but hallelujah

    Das Lob Gottes kann „heilig“ oder „gebrochen“ sein:

    Love is not a victory march
    It’s a cold and it’s a broken Hallelujah

    There’s a blaze of light in every word
    It doesn’t matter which you heard
    The holy or the broken Hallelujah

    Die Zusage Gottes, die sich in diesem Lied ausdrückt, greift alle die Zweifel und Unsicherheiten auf, die die meisten Menschen umtreiben, und stellt sie letztlich doch in einen Horizont der göttlichen Gnade, die man nur loben kann. Möglicherweise haben die Menschen, die sich das Lied zu besonderen Anlässen (Trauungen, Beerdigungen …) Wünschen, mehr davon verstanden als du meinst?

    “Aber wir haben es anscheinend verpasst, ihm eine Form zu geben, die für Jugendliche und viele weitere Bevölkerungsteile verständlich ist.”

    Cohen hat das geschafft 🙂

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.