Reformationsjahr 2017 – der eigenen Vergangenheit auf der Spur

Eine Gruppe des ev. Theodor-Fliedner-Gymnasiums Kaiserswerth unter Leitung von Dr. Hans-Peter Schulz berichtet von ihren Erfahrungen vor und nach dem ev. Kirchentag 2017.

Auf Luthers Pfaden nach Wittenberg

Einfach mitmachen – haben wir uns gesagt, Thesen formuliert und sie an eine digitale Tür der Schlosskirche genagelt.  Wie soll’s weiter gehen? Wir machen richtig Theater und so ist das Projekt entstanden: einfach lebendig: Geschichten der Bibel neu erzählt – und unser Kirchenkreis hat geholfen.

Zehn Thesen

Im September 2015 hat die Gruppe zum Auftakt zehn Thesen formuliert, die sie in der heutigen Zeit an die Tür der Schlosskirche nageln würde.

  1. In einer guten Welt finden alle zu einander.
  2. Die Kirche muss sich erneuern, weil wir nicht rituell behandelt werden möchten, wir wollen den Gottesdienst als wirklichen Dialog erleben. Lest nicht ab, sprecht über den Glauben.
  3. Die Kirche muss sich erneuern und soll zeitgemäße und altersgerechte Musik spielen, soll englische Lieder singen; wir wollen im Gottesdienst vorkommen.
  4. Die Kirche muss sich erneuern, weil die Bibel im Alltag keine Rolle mehr spielt.
  5. Die Kirche muss sich erneuern, weil die Bibeltexte aktuell und alltäglich (neu) erzählt werden sollen.
  6. Die Kirche muss sich erneuern, wir werden seltsam angesehen, wenn wir über unseren Glauben sprechen, als wären wir aus „einem Gestern“.
  7. Eine gute Kirche stellt sich auf ihre Jugendlichen ein: veröffentlicht einen Kirchenjahr-Kalender für Jugendliche, der Bezug zum Leben der Jugendlichen hat.
  8. Ein gute Schule verjüngt die Kirche.
  9. Wir suchen die Wahrheit der Bibeltexte.
  10. Wir wollen eine spielerische Kirche, die die Bibel aktuell (auch) auf die Bühne bringt.

Das Musiktheaterprojekt

Fast 40 Jugendliche haben sich mit der Musikerin Madlen Pieles, Pfarrer Thomas Gerhold und mir aufgemacht und in drei Workshops sowie ungezählten Proben vor Ort  biblische Geschehnisse als heutige Fragen formuliert: Was meint der Satz „hinabgestiegen in das Reich des Todes und am dritten Tage auferstanden von den Toten“ heute? Welche Begründung findet in einer säkularisierten Gesellschaft das gesetzliche Tanzverbot am Karfreitag heute?  Gibt es teuflische Versuchungen nur als Redewendung? Hat das biblische Reinlichkeitsgebot etwas mit unserer Massentierhaltung zu tun?

Das Projekt ist als Musiktheaterprojekt in protestantischer Tradition konzipiert worden, es ist diskutiert und geprobt, musiziert, gedichtet und inszeniert worden, bis wir mit sechs Szenen für die acht Auftritte in Ratingen, Kaiserswerth, Berlin, Düsseldorf, Hilden und Wittenberg bereit gewesen sind.

einfach lebendig: Geschichten der Bibel neu erzählt
Titel der Szene Moderne Fragestellung und Szene Bezug zur Bibelstelle
Höllenfahrt

Die Hölle, äh, das Reich des Todes

Wie lässt sich heute der Satz „hinabgestiegen in das Reich des Todes und am dritten Tage wieder auferstanden“ verstehen? (apostolisches Glaubensbekenntnis)
Jesu Versuchung

Komm, nur einmal

Wer versucht heute wen, welche Versuchung gilt in der Erlebnisgesellschaft? Mt. 4, 1-11

 

Reinheitsgebot

Gutes Essen, armes Tier

Restaurant: Kann massenhaft hergestellte Nahrung mit Vorstellungen von Reinheit  verbunden werden? (Markus 7, 1ff.)
Karfreitag Multikulturelle Feiertage oder… Eine Kirche zu betreten kann als ein Menschenrecht verstanden werden! Tanzverbot an Karfreitag (Traditionspflege)
Friede sei mit euch

Du Opfer, du Christ

Hat die Befreiung von einschränkenden Geboten und Verordnungen einen freiheitlichen, emanzipatorischen Grundtenor? (Joh. 19ff.)
Seligpreisungen

oder die Frage nach dem guten Leben

Sollte ein Mobbingopfer zur „Feindesliebe“ angehalten werden? (Die Bergpredigt, Mat. 5,1–7,29)

Der Deutsche Evangelische Kirchentag in Berlin

Die Evangelische Kirche in Deutschland hat das weltweite Projekt „www.Schools500reformation.de“ ausgeschrieben, über das sich evangelische Schulen vernetzen können. Über dieses Netzwerk haben wir unseren ghanaischen Partner gefunden: die Presbyterian Junior High School in Akropong Akuapem, Ghana. Mit 12 Jugendlichen, 3 Lehrerinnen und Lehrer der Schule sind wir zum  Deutschen Evangelischen Kirchentag gefahren, haben in Berlin-Wannsee gewohnt und das Ereignisfeuer Berlins erlebt: den Kirchentag, die Stadt, die internationale Begegnung sowie die Proben und drei Auftritte vor Ort.

Die Gruppe der Presbyterian Junior High School aus Akropong Akuapem, Ghana
Die Gruppe der Presbyterian Junior High School aus Akropong Akuapem, Ghana
Empfang in Berlin
Die Gruppe in der Landesvertretung NRW
Die Gruppe in der Landesvertretung NRW

Die gemeinsame Zeit während der Workshops, in Berlin und Wittenberg ist aber nicht nur den Proben gewidmet gewesen. Das abendliche Ritual in Wort und Gesang hat unser Projekt vertieft und wiedergespiegelt. Mit unseren Gästen aus Ghana haben wir die inspirierende Kraft einer kreativen Gruppe, aber auch Momente spiritueller Besinnlichkeit erlebt.

Aufführungen in Ratingen, Düsseldorf und Hilden

Aufführung in der Friedenskirche Ratingen
Marlo Hellingrath und Anna Goga
Aufführung in Kaiserswerth am Theodor-Fliedner-Gymnasium.
V.l.n.r: Fiona Kommerell (sitzend), Karina Schulze, Jule Hammerschmidt (sitzend), Annabelle Welge-Lüßen und Lya Ketelhut. Im Hintergrund: Cora Ziegler und Florian Hanke.

 

 

Aufführung in der Reformationskirche Hilden.
V.l.n.r. Constantin Bernhard, Sophie Johänning, Lina Althaus und Laura Eckhardt
Bei der Weltausstellung „Tore der Freiheit“ in Wittenberg im talent’s tent

Blick in die Zukunft

Wieder zuhause angekommen gilt es, in die Zukunft zu schauen und drei Veranstaltungen unserer evangelischen Kirchengemeinde zu nennen, die von der Evangelischen Erwachsenenbildung und dem Förderverein der Reformationskirche gemeinsam ausgerichtet werden.

 (1) Lesung mit szenischem Spiel und Gitarrenmusik

Am Freitag, den 29.9. 2017 um 19.00 liest Manfred Landgraf aus seinem historischen Roman „Der Protestant“  in der Reformationskirche. Er bietet ein besonderes, „aktionles“ Lesekonzept an, bei dem Kostüme und Requisiten verwendet werden. Dazu spielt Stephan Küpper Gitarrenmusik aus der Renaissancezeit und Improvisationen über Luther-Choräle.

Ankündigung der Lesung bei der eeb

(2) Das Leben Friederike Fliedners erzählt

Am Freitag, den 6.10.2107 um 19.00 liest Gina Mayer aus ihrem historischen Roman „Die Protestantin“ in der Reformationskirche. Sie trägt in klassischer Form vor und wird aus ihrem Buch über Friederike Fliedner lesen. Ihr Vortrag wird durch Musik aus der Romantik begleitet.

Ankündigung der Lesung bei der eeb

Künstlerische Dokumentation der Lesungen – ein künstlerischer Versuch

Beide Lesungen werden mit Fotoapparat und Skizzenblatt begleitet und live dokumentiert, sodass nach der Lesung erste Arbeiten gezeigt werden können und wir darüber hinaus ein Werk für unsere Kirche erhalten. Peter Willaschek ist Künstler und lebt in Düsseldorf.

(3) Die Zukunft des Glaubens

Am 23.11. 2017 um 19.00 in der Reformationskirche starten wir in die nächsten 500 Jahre und unsere Fragen sind ganz andere als die der Reformatoren.

Werden die Menschen Gott vergessen?  Kommt die Spiritualität von morgen ohne Religionen aus? Michael Rubinstein, Dr. Michael Schlagheck und Dr. Frank Vogelsang verbinden eine jüdische, katholische und evangelische Sichtwiese auf diese Fragen und loten dabei unsere gemeinsame Zukunft aus. Durch den Abend führt die Journalistin Birte vom Bruck.

Ankündigung der Veranstaltung bei der eeb

 Bericht und alle Fotos: Dr. Hans Peter Schulz